Das Dossier zur Zylinderstadt

Aus Spieltraum

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Inhaltsverzeichnis

Konstruktion und Lebensbereiche

Die Zylinderstadt wurde in einer sehr hohen Säule mit einer sechseckigen Grundfläche erbaut. Durchmesser und Höhe der Säule sind nicht allgemein bekannt, werden jedoch auf einige Kilometer geschätzt. In der Zylinderstadt soll sich Lebensraum für Fünfzig Millionen befinden. Die Stadt läßt sich grob in vier Bereiche teilen: Unterstadt, Mittelstadt, Oberstadt und Überstadt.

Die Unterstadt bildet das Fundament von der Zylinderstadt. Hier sind die staatlichen Produktionsanlagen, die Energieversorgung und die Lebens- und Wohnbereiche des Proletariats. Die Unterstadt wird von Decken durchzogen, die sie in einzelne Decks einteilt, welche durch Förderaufzüge zu erreichen sind. Die Decks sind vollgebaut mit riesigen Industriekomplexen und an dessen Rand mit großen Mietskasernen, die Wohn- und Lebensbereiche des Proletariats enthalten. Innerhalb der Unterstadt sind keine künstlichen Sonnen installiert Stattdessen werden die wichtigen Bereiche mit schummerigen Neonlicht erhellt. Um in der verpesteten Atmosphäre überleben zu können, tragen die Proletarier Gasmasken.

Die Mittelstadt macht ein Großteil des Volumens von Zylinderstadt aus. Sie ist wiederum in 25 Decks unterteilt, die jeweils 100 Meter hoch sind. Innerhalb dieser Decks sind Wohn- und Arbeitsbereiche installiert, zumeist in Hochhäusern. Jedes Deck wird von mehreren künstlichen Sonnen und Scheinwerfern erhellt Alle Decks sind über die Zentralröhre, der Hauptverkehrsader, miteinander verbunden, welche einen Durchmesser von einem Kilometer hat, in dem Mittelpunkt der Zylinderstadt liegt und von den Abgasschloten der Unterstadt bis in den freien Himmel reichen soll. Davon sieht man allerdings nicht, da die Röhrenatmosphäre durch die Abgase der industriellen Fertigungsanlagen verseucht ist, so daß die Sichtweite nie über 100 Meter hinausgeht um eines Verseuchung der Mittelstadt auszuschließen, sind Schleusen angebracht, die zuerst durchquert werden müssen, um von der Zentralröhre in die eigentliche Mittelstadt zu kommen. Neben der Zentralröhre gibt es noch zahlreiche andere Verbindungsschots und - Öffnungen zwischen den einzelnen Decks. In der Mittelstadt leben ca. 8 Millionen Menschen. Sie bilden das Rückgrad in Handel, Verwaltung und der mittelständischen Produktion. Die Mittelstadt hat einen Lebensstandard, der ungefähr dem der 90er Jahre entspricht, in manchen anderen Bereichen jedoch weit fortgeschritten ist

Die Oberstadt schließt die Zylinderstadt neben der Überstadt von dem Himmel ab. Auch durch die Oberstadt zieht sich die Zentralröhre, es sie dann in der Überstadt abschließt. Die Oberstadt soll jedoch nur ein Deck besitzen, daß von der Außenwelt durch eine Glaskuppel abgetrennt ist, so Daß man den freien Himmel sehen kann. Die Lebensbedingungen der Oberstadt sollen die besten in der gesamten Zylinderstadt sein. Kein Wunder, schließlich wohnt hier die High Society und geht ihren einträglichen Geschäften als hohe Beamte oder Industriekapitänen nach.

Nur ab und an sieht man durch den Smognebel der Zentralröhre schummerig irgendwelche - Lichter aus der Oberstadt scheinen, insgesamt zwölf an der Zahl, die im Kreis angeordnet sind. Sie bilden die sogenannte Überstadt, das Verwaltungszentrum der oberen und obersten Behörden, die Ministerien und Ämter, kurzum der Herz der Bürokratie von Zylinderstadt Diese Überstadt soll unmittelbar unter dem Dach der Zylinderstadt angebracht sein und die Öffnung zum Himmel wie einen Kranz umschließen.

Entstehung der Zylinderstadt (Aus offiziellen Quellen)

"Die Zylinderwelt ist ein Produkt der Notwendigkeit, die einzige Möglichkeit die Menschheit bis ins Heute, bis in die 2. Hälfte des 22 Jahrhunderts zu retten. Der Grund für ihre Errichtung war die "Große Katastrophe", die sich am Anfang des 20. Jahrhunderts ereignet hat Aus dieser Zeit sind nur noch wenige Dokumente erhalten geblieben. Sie zeugen jedoch davon, Daß die Menschheit sich zu diesem Zeitpunkt einen ganzen Planeten namens "Erde" zum Untertan gemacht hat. Worin genau diese "große Katastrophe" bestand, ist heute nicht mehr bekannt. Sie führte jedoch zu großen sozialen Umbrüchen: Migrationswellen aus durch das sich verändernde Klima verwüsteten Gebieten ergossen sich zu dem Ort, auf dem dann schließlich die Zylinderstadt errichtet werden sollte.

Um den ganzen Menschenmassen Herr zu werden und die entstandene Riesenstadt vor den immer prekärer werdenden Umweltbedingungen zu schützen, wurde nach dem Konzept der sogenannten Winkler-Jefferson-Röhre die Zylinderstadt gebaut, die ein in sich geschlossenes Habitat sein soll. Nur Abfälle werden nach draußen verbracht. So wurde dann auch langsam über Generationen hinweg das errichtet, was heute die Zylinderstadt ist (...)

Auch auf anderen Teilen der Erde entstanden solche Siedlungen: Zum einen Transatlantika, die Schwesterstadt zur Zylinderstadt (die im offiziellen Sprachgebrauch Cisatlantika genannt wird). Zwischen Trans- und Cisatlantika, die beide ungefähr zur gleichen Zeit entstanden sind, läuft seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert über die Kirche ein reger Austausch an Gütern und Waren. Der Nachzügler ist die Stadt der Krautianer, eines aggressiven Volkes, welches sich seit dem anbrechenden 21. Jahrhundert im Krieg mit der Zylinder Stadt befindet. (...)

Am Ende des 20. Jahrhunderts stellte sich heraus, Daß die Zylinderstadt ohne Zufuhr von Rohstoffen nicht lange überlebensfähig bleiben würde. So wurden dann auch die sogenannten Kolonialstädte, kleine Ausgaben der Zylinderstadt überall auf der Erde errichtet, um der reichhaltigen Rohstoffvorkommen habhaft zu werden. Im Laufe dieses Prozesses kam es immer wieder zu Zusammenstößen mit den Krautianern, die sich schließlich, trotz aller Kompromißbereitschaft der Zylinderstadt, in einen großen Krieg auswuchsen, der seit ungefähr 150 Jahren mit periodischen Waffenständen, die immer wieder von krautianischer Seite gebrochen werden, andauert. (In der Mittelstadt selbst kriegt man vom eigentlichen Krieg nicht allzuviel mit, da das gesamte Regierungssystem bemüht ist den Bürger so weit wie möglich zu schonen). (...)

Wesentliche Teile des Regierungssystems sind auch erst aus der Notwendigkeit heraus entstanden, die Zylinderstadt kriegsbereit zu machen, dabei die materielle Seite des Bürgers aber so wenig wie möglich zu beeinträchtigen. Von Ende des 21. bis zur Mitte des 22. Jahrhunderts erschütterten soziale Unruhen das Land: Unter der Führung ihrer Anführer mißgeleitet verlangten die Arbeiter nach mehr Rechten, verkannten dabei jedoch die Notwendigkeit geschlossen hinter der Oberstadt zu stehen, um den Kriegsverlauf nicht negativ zu beeinflussen und das Überleben der Zylinderstadt zu gefährden. So bedurfte es wieder der ordnenden Hand der Bürokratie: Im Innern reformierte sich und errichtete damit das, was als Primat der Ämter nun offizielle Regierungsform geworden ist. Der Sozialkonflikt wurde entschärft, indem man den Arbeitern vor Augen führte, wie gefährlich ihr Verhalten zu diesem Zeitpunkt war. Die Rädelsführer mußten eingesperrt werden, um eine weitere Gefährdung auszuschließen."

Soweit das offizielle Geschichtsbild, welches als Zentralthese die Notwendigkeit der Zylinderstadt damit begründet, daß anders das geschichtliche Überleben nicht mehr zu gewährleisten wäre. Ebenso ist der Krieg mit den Krautianern nichts als purer Überlebenskampf, dem man leider nachkommen muß. Als Angehöriger der Mittelstadt ist man in der Regel nicht allzu intensiv mit der Entwicklung der Zylinderwelt beschäftigt, da die Geschichte mangels umfangreicher Darstellungen und der Beschränkung durch die Kirche eher langweilig ist.

Herrschaft, Verwaltung, Wirtschaft

Die gültige Regierungsform ist eine unpersönliche Bürokratie, die unter der Bezeichnung "Primat der Ämter" (PdA) firmiert Die theoretischen Grundlagen hierzu wurden von Frank N. Marteck, Professor für Staatslehre, in seinen Schriften "Der Einzelne, die Menge und die Bürokraten" und "Grundlagen einer neuen Administration". In seiner großen theoretischen Staatsschrift: "Analyse des Staates" vergleicht er zwei Idealtypen von Herrschaftsformen, Demokratie und Autokratie, mit ihren Problemen und kommt zu dem Schluß, daß die perfekte Herrschaftsform die der Direktive sei: "Die Alternative zur Alternative (im Zusammenhang: Demokratie) ist die Direktive" (AdS, S. 293). F. N. Marteck hat mit dieser Schrift den Grundstein zur herrschenden Lehre und zur modernen Staatslehre gelegt, die sich hauptsächlich mit den Problemen der Verwaltung auseinandersetzt

In der Praxis gestaltet sich das "Primat der Ämter" für den unkundigen Fachmann als ein Gewirr von Ministerien und nachgeordneten Behörden, deren Kompetenzen sich je nach Situation erheblich verschieben, wie es Marteck in seinem Prinzip der "Kompetenzfluktuation" erläutertet hat. Als sogenannte "große" Ministerien haben sich bisher das Sicherheitsministerium, das Kriegsministerium, das Wirtschaftsministerium, das Versorgungsministerium, das Planimgsministerium und das Informationsministerium herauskristallisiert. Jedes Ministerium besitzt auf jedem Deck nachgeordneten Dienststellen, die zentralistisch durchorganisiert sind. Neben diesen obersten Behörden gibt es noch eine Reihe an Ämtern im Rang oberster Behörden, die deswegen von den Ministerien unabhängig arbeiten können z.B. das Auswärtige Amt, das Kriegswirtschaftsamt, das Amt für Stadtplanung, das Amt für Rechtssicherheit und das Amt für Optimierung der Bürokratie. Außerdem existieren noch eine Reihe von Ministern ohne Geschäftsbereich und Sonderbevollmächtige mit ihren jeweiligen Stäben und Kanzleien, den Ministerien nachgeordnete Ämter, sogenannte Ämter in privater Hand und Sonderstäbe, die Koordination zwischen den einzelnen Verwaltungseinrichtungen verbessern sollen. Dem interessierten Laien kann als Lektüre nur "Marteck's Handbuch zur Organisation der Administration" (in Fachkreisen auch scherzhaft "der kleine Marteck" genannt) empfohlen werden, welches einmal jährlich neuerscheint.

Daneben gibt es noch einen Verdienst- und Geblütsadel, deren Mitglieder zumeist die höheren Verwaltungsstellen besetzen. An der Spitze der gesamten Regierung steht offiziell ein König oder eine Königin aus der Familie der Notherfords. Zur Zeit regiert König Dick der Dritte.

Als Träger des Herrschaftwillens gelten auch die Kirche, die Parteien und Interessensverbände. All diese Institutionen sind in sogenannten Direktionen den Behörden nebengeordnet, überwachen diese und versuchen für ihre Interessengruppe jeweils positive Entscheidungen zu bewirken. Prinzipiell hat jede Direktion das Recht auf ein suspendierendes Veto und auf Überprüfung der Entscheidung durch die dem Amt übergeordnete Instanz. Den Vorsitz in jeder Beirat hat der Vertreter der Kirche. Seine Stimme gibt bei einer Pattsituation im Beirat auch den Ausschlag. Das höchste Direktorium ist das Zentraldirektorium, in dem neben den Vertretern der Bevölkerung auch noch alle Minister und Sonderbevollmächtigte, sowie Verteter einzelner ausgesuchter Ämter. Den Vorsitz hat der Amtsvorsteher des Obersten Zentralamt (OZA). Die Partei- und Interessenvertreter des Zentraldirektoriums, werden entweder alle 7 Jahre gewählt oder nach prozentualem Anteil der einzelnen Bevölkerungsgruppen festgelegt. Das Zentraldirektorium bestimmt den Proporz in den einzelnen Beiräten.

Parallel zur unpersönlichen Bürokratie besitzt die Zylinderwelt den administrativen Kapitalismus als Wirtschaftsform. Das Hohe Resourcenamt, ein zwischen Wirtschafts-, Versorgungs- und Planungsministerium eingerichtete nachgeordnete Behörde, sorgt für die Ausbeutung der Rohstoffe unterhalb der Zylinderwelt und in den Kolonialstädten und verkauft dann diese Rohstoffe in einem bürokratischen Auswahlverfahren an verschiedene Firmen. Dem Hohen Resourcenamt unterstehen alle Firmen, die irgendetwas mit Rohstofförderung am Hut haben. Sie sind anteilmäßig zwar zum großteil in Privathand, das Management wird aber ausschließlich von Beamten des Hohen Resourcenamtes ausgeführt. Andere Wirtschaftsbereiche -Schwerindustrie, Agrarindustrie, Nachrichtenwesen - unterstehen direkt dem Hohen Wirtschaftsamt, das Gegenstück zum Hohen Resourcenamt im verarbeitenden Bereich. Im Dienstleistungsbereich hat das Versorgungsministerium mit der Allgemeinen Wartungs GmbH die Firma gegründet, welche ein Monopol auf Wartungs- und Installationsarbeiten im technisch-elektronischen Bereich hat. Diese Strukturen haben zur Folge, daß wesentliche Schlüsselindustrien in Staatshand liegen und somit aus dem freien Wettbewerb herausfallen. Alle anderen Wirtschaftszweige sind somit unmittelbar oder mittelbar von diesen Staatsbetrieben und damit von der Bürokratie abhängig.

Ein weiteres wichtiges Attribut für die Gesellschaft der Zylinderwelt ist das der "administrativ-liberalen Datensoziologie". Prinzipiell darf jeder Bürger über jeden anderen auf datenelektronischen oder persönlichem Weg alle Informationen abfragen, die bei Behörden und Firmen über diesen verfügbar sind. Allerdings wird der Umfang dieses Zugangs durch die Administrative, hauptsächlich das Amt für Sicherheitsberatung, eingeschränkt. Dieses Amt erfaßt jeden Bürger mit Hilfe der Sicherheitsklassifizierung, die von 1 bis 20 rangiert. Je nach Höhe verfügt der Bürger über weitreichendere Rechte bei Anfragen bei Ämtern oder Firmen. Darüber hinaus bringt eine hohe Sicherheitsklassifizierung auch Vorteüe bei der Zuteilung von Wohnraum usw.

Politik und Opposition

In öffentlichen Wahlen bestimmen alle Staatsbürger der Zylinderstadt die Zusammensetzung von 50% der Sitze des Zentraldirektoriums in einem siebenjährigen Turnus. Es können staatlich anerkannte Parteien nach dem Verhältniswahlrecht gewählt werden. In der Zylinderstadt existieren drei Parteien, die als Volksparteien gelten können: die Konservativ-Administrative Volkspartei (KAP), die Liberal-Elitäre Partei (LEP) und die Christlich-Autoritäre Partei (CAP). Daneben sind noch mehrere kleinere Parteien z. B. die Partei der Besserverdienenden, die Totalitäre Partei, die Antisemiten. Das Wahlrecht ist nach Decks gestaffelt. Insgesamt gibt es 5 Klassen, die jeweils 10% der Sitze des Direktoriums wählen.

Häufiger Diskussionspunkt in den öffentlichen Sitzungen des Zentraldirektoriums ist die Verwaltungs- und Wirtschaftspolitik. In diesem Punkt lassen sich auch die drei großen Parteien am besten unterscheiden: Die KAP tritt für eine Beibehaltung und Verstärkung der bürokratischen Strukturen ein, um das Recht auf Besitzstandswahrung zu sichern. Die LEP vertritt die entgegengesetzte Richtung, um so der Volkswirtschaft bessere Entwicklungschancen zu geben. Die CAP hingegen tritt für einen starken Staat bei gleichzeitiger Umverteluung des Volkseinkommens ein. Entsprechend hat jede Partei ihre Stammklientel. Wird die KAP hauptsächlich von den Mitgliedern der Verwaltung gewählt, so weiß die LEP große Teile der Wirtschaft hinter sich. Bei der CAP sind es häufig kirchlich gebundene Personen auf allen Decks, mit Schwerpunktbildung jedoch auf den unteren. Alle drei Parteien kommen jeweils auf Ergebnisse zwischen 5% und 15%; die restlichen Prozente verteilen sich ziemlich gleichmäßig auf die 10 Splitterparteien, die auch noch im Zentraldirektorium vertreten sind.

Auch die Verbände sind wichtige Träger der realen Verfassungsordnung. Als wichtigste sind hier wohl der Militärverein, der Zentralverband der Rohstoffindustrie, der Wirtschaftsbund, der Kolonialverein, der Verwaltungsbeamtenverband und natürlich die Kirche zu nennen. Die Verbände betreiben reine Interessenpolitik für ihre Mitglieder, bilden Bündnisse mit und gegen bestimmte Parteien, verkaufen Unterstützung im Zentraldirektorium und versuchen so ihre machtpolitische Situation zu verbessern.

Zu guter Letzt besitzt die Ökumenische Christliche Kirche nicht unerheblichen formellen, wie informellen Einfluß auf die Politik der Zylinderwelt. Da sie in allen Gremien (bis auf das Zentraldirektorium) den Vorsitzenden stellt, leitet sie das politische Tagesgeschehen. Zwar fallen nicht alle Entscheidungen nach ihren Wünschen aus, jedoch kommt niemand an der Kirche und der ihr nahestehenden CAP vorbei. Ihr zweiter Machtpfeiler ist das Wissensmonopol über alle Gesellschaftswissenschaften und die Forschung in allen Wissenschaften. Durch die "Verordnung zur Eindämmung der gefährlichen Umtriebe der Wissenschaft" ist es allein dem Kirchlichen Wissenschaftsamt vorbehalten, sein placet zu Forschungsprojekten zu geben. Gesellschaftswissenschaften werden prinzipiell nur an kirchlichen Akademien Angehörigen der Kirche gelehrt, die dann in Wirtschaft und Verwaltung entsprechend zu wirken wissen. Die Kirche selbst ist streng hierarchisch organisiert. An ihrer Spitze steht der Papst, welcher aber mittlerweile nur noch die Aufgaben eines Geschäftsführers innehat. Die wirkliche Macht liegt beim Kardinals- und Bischofskollegium, das über alles entscheidet.

Neben diesen durch die Bürokratie legitimierte Träger der politischen Macht, gibt es noch einige inoffizielle, aber tolerierte, und illegale Vereinigungen, die diffamierend als der "Umsturz" bezeichnet werden. Als erste sind hier die Weberianer zu nennen. Hierbei handelt es sich um eine staatswissenschaftliche Schule, die sich nach den Schriften des Sozialwissenschaftlers Max Weber gebildet hat und die mit schärfster Bürokratiekritik auf die Verhältnisse der Zylinderstadt reagiert. Die Weberianer stehen im lockeren Kontakt miteinander. Sie sind offiziell verboten, erfreuen sich aber in der Oberstadt als politische Religion in bestimmten Kreisen höchster Beliebtheit. Aus ganz anderem Holz sind da schon die Sezzesionisten geschnitzt. Diese Gruppe, welche auch fast Ausschließlich in der Oberstadt ansässig ist, fordert wieder den Schritt nach Draußen zu wagen, und die Planeten des Sonnensystems zu besiedeln. Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, verüben sie terroristische Anschläge. Es ist überflüssig zu sagen, daß die Sezzesionisten aufs Schärfste verfolgt werden, da gerade die Oberstadt von radikaloppositionellen Elementen freigehalten werden soll. Als dritte und größte Oppositionsgruppe ist wohl die Sozialistische-Demokratische Vereinigung (SDV) zu nennen, in welcher sich hauptsächlich unzufriedene Arbeiter der Unterstadt, aber auch Intellektuelle aus der Mittel- und Oberstadt zusammenfinden. In den programmatischen Schriften fordern sie immer wieder eine Umverteilung des Volkseinkommens, eine Öffnung der Decks für alle Bürger und den Abbau der bürokratischen Strukturen. Die SDV ist die bestdurchorganisierte Oppositionsgruppe mit unterschiedlichen Hügeln. Es existierten Bibliotheken und Bildungseinrichtungen, in denen Mitglieder sich mit den Werken großer Theoretiker der Aufklärung (Rousseau, Montesquie), des Liberalismus (Locke, Smith) und des Kommunismus (Marx, Lenin, Lassalle) usw. auseinandersetzen können. Die SDV gehört neben den Sezzesionisten zur am strengsten observierten Gruppe, da ihre Kritik am weitesten geht und sie mit dem Mittel des Streiks zur Durchsetzung ihrer Ziele leicht die Wirtschaft destabilisieren könnte.

Kultur und Leben in der Zylinderwelt

Einleitung: Der folgende Abschnitt befaßt sich ausschließlich mit den sozialen und kulturellen Strukturen der Mittelstadt. Dies ist auch i. R. das soziale Umfeld, in welchem die SC großgeworden sind. Über die sozialen Verhältnisse in Ober- und Unterstadt sind die SC ungleich schlechter informiert, oder sie bringen diese Bereiche hauptsächlich mit Klischees in Verbindung, als da wären: Unterstadt - Plebejermillieu, Oberstadt - dekadente Führungsschicht

Der Wertehorizont eines Großteils der Mittelstädter orientiert sich einerseits an der Bürgerlichkeit, andererseits an einem nationalen Staatsdenken und der Religion. Werte wie Bildung und Besitz, Leistungsbereitschaft, ein nach außen einwandfreies Auftreten und nach innen moralische Integrität, die sich in einem ethischen Puritanismus zeigt, prägen hauptsächlich die ältere Generation, welche noch im Geiste der großen Arbeiterunruhen erzogen wurden. Die jüngere Generation übernimmt diese Werte nicht unbesehen, sondern setzt ihnen zumeist Innerlichkeit oder einen ätzenden Nihilismus entgegen, ohne jedoch im fortschreitenden Alter wesentlich von ihrer Vorgängergeneration zu unterscheiden.

Als große soziale Integrationsklammern fungieren die Religion und der Nationalismus. Die Religion vertritt die Auffassung, daß sich die geschichtliche Entwicklung hin zur Zylinderwelt ein Stufe auf dem Weg des göttlichen Heilsplans ist. Aus diesem Grund tritt sie sozialkonservierend auf, setzt sich für die Erhaltung der sozialen Strukturen ein und nimmt somit für die herrschende Schicht Partei. Als zweite Klammer der Herrschaftsideologie schmiedet der Nationalismus die Gesellschaft zusammen. Nach außen prangert er die Krautianer und nach innen den "Umsturz" öffentlich durch seine Anhänger im Nationalverein und den anderen Interessenverbänden an.

Die politische Kultur der Mittelstadt weist sehr beschränkte Strukturen auf. Die Politik hat nur in zwei Bereichen Bedeutung für das Leben des Mittelstädters: A) Bei den alle sieben Jahre stattfindenden Wahlen trifft man entweder aus Tradition oder aus der Devise: "Wahltag ist Zahltag" heraus die Entscheidung für eine der drei großen Parteien. Die Wähler von Splitterparteien gelten als Querulanten und notorische Nörgler) Die Interessenverbände bilden einen festen sozialen Rahmen für den Mittelstädter, in dem er seine Kontakte pflegt. Auch über dies Engagement beschäftigt er sich mit politischen Fragen. So ist es üblich, Daß Interessenverbände offen einzelnen Parteien ihre Unterstützung zusichern und ihre Mitglieder auffordern, für diese Partei zu votieren. So steht dann auch kaum jemand aus Überzeugung hinter einer Partei, sondern wählt diese nur, weil er glaubt seine materiellen Vorteile darin vertreten sieht.

Die Gesellschaft der Zylinderstadt ist eine hochstrukturierte Mediengesellschaft Dem Bürger stehen ungefähr 30 Fernsehkanäle zur Auswahl. Hier laufen hauptsächlich Spielfilme, in der Regel Melodramen und Abenteuerfilme, die in der Frühzeit der Zylinderstadt spielen. Außerdem gibt es noch den Staatlichen Informations Canal (SIC!), der regelmäßig von den öffentlichen Sitzungen der Direktorien und von der Front berichtet. In den Archiven der Ämter und großen Firmen lagert ein unendlicher Informationsfundus, der zum großteil über das gutausgestattete Datennetz abgerufen werden kann und der ebenso im Archiv in papierner Form vorliegt. Daneben existiert noch ein großer Sektor mit Printmedien.

Auch auf geistig-kultureller Ebene hat man sich mit dem herrschenden System abgefunden. Besonders der bürgerliche Realismus ist die vorherrschende Stilrichtung in der Literatur, Malerei und Fernsehen. Die gesellschaftliche Realität wird zwar eher kritisch erfaßt, ohne jedoch fundamentale Kritik an ihr zu üben. Insbesondere ist es ein beliebtes Thema, Menschen im Konflikt mit der herrschenden Werteordnung darzustellen, und mit ihrem Scheitern auszusagen, Daß man sich nicht gegen die Gesellschaft stellen kann, ohne dabei selbst unter die Räder zu kommen. Diese Schule nennt sich deswegen auch die Schule der Sozietisten. Eine radikalere Abspaltung hiervon sind die weitestgehend unbedeutenden Kritizisten, welche radikale Kritik an der bisherigen Gesellschaftsordnung üben. Als Gegenbewegung zu diesen eher realistischen Schulen treten die Impressionisten und die Nihilisten auf. Beide stellen nicht den Mensch in der Gesellschaft in den Mittelpunkt ihres Werkes, sondern den Mensch als Individuum, welches mit einer zunehmend entfremdeten Umwelt konfrontiert wird. Insgesamt ist die Kunst sehr zahm; kritische Geister erlangen selten eine Breitenwirkung.

Auch das Bildungssystem ist nach den herrschenden Vorstellungen ausgerichtet. Neben dem normalen Bildungsweg (Mittlere Reife, Abitur) und der normalen Berufsausbildung existiert noch die kirchlich dominierte akademische Ausbildung: Es gibt eine zentrale Universität, die zwei komplette komplette Decks ausfüllt, inkl. Wohnraum für Studenten, Gastronomie und sonstigen Versorgungseinrichtungen. Das Universitätssystem läuft zweigleisig: Auf der einen Seite gibt es den hauptsächlich anwendungsspezifischen Bereich für Natur- und Wirtschaftswissenschaften an den staatlichen Hochschulen, auf der anderen Seite die Geisteswissenschaften und den Forschungsbereich für Natur- und Wirtschaftswissenschaften an den kirchlichen Akademien, bei denen man nur immatrikulieren kann, wenn man zumindest Priesteranwärter für Geistes- / Natur-/Gesellschafts- oder Wirtschaftswissenschaften ist Darüber hinaus entscheidet die Kirche über die Dozenten sowohl an ihren als auch an den staatlichen Hochschulen und betreibt so Informationsselektion, die jeden kritischen Ansatz scheitern läßt.

Um den Mangel an natürlicher Umwelt zu kompensieren, fühlt sich der typische Bürger der Zylinderwelt zu Habitaten hingezogen, unter denen Flora und Fauna erhalten blieb. So entstand dann auch seit Gründung der Zylinderwelt eine umfangreiche Gartenkultur, bestehend aus botanischen und zoologischen Gärten, Gewächshäusern, Orangerien, Parkanlagen usw. Als Kontrast zur farblich eher tristen Architektur sind in diesen Habitaten hauptsächlich die Klimabereiche der Tropen- und Subtropen vertreten. Bei der Innenarchitektur wird eher der Kassizismus bevorzugt, ergänzt um Mahagonimöbel und Marmor. Andere Spielformen sind der Jugendstil und der Bauhausstil.

Sonstiges

In Konkurrenz zum Versorgungsministerium arbeiten sogenannte "Freischaffende Elektriker" illegalerweise. Sie beschränken ihre Tätigkeit auf die unteren Decks, da hier die Sicherheitsvorkehrungen nicht so gut sind. Dir Vorteil liegt darin, Daß sie erstens billiger und zweitens schneller erreichbar sind, als die Allgemeine Wartungs GmbH. Ihre hohe Mobilität gewährleisten sie, indem sie ihren ganzen Plunder in Rucksäcken befördern. Ab und an schrecken sie auch nicht davor zurück, sich mit Waffengewalt ihren Weg zum Kunden zu bahnen. Irgendwelche Beziehungen zur SDV werden ihnen nachgesagt, konnten aber bisher nie bewiesen werden. Alles in allem sehen sie eher aus wie die Angehörigen eines Sondereinsatzkommandos der Polizei als wie der typische 20. Jahrhundert Heimwerker (. Natürlich ist es auch illegal sie zu beschäftigen.

Als der "Rote Ring" wird im Volksmund häufig das Deck 25 bezeichnet Hier ist das verruchteste Vergnügungsviertel der Zylinderwelt untergebracht. Schummerige Bars, aufreizende Shows, bizarre Bordelle - alles was das Herz des spießbürgerlichen Mittelstädters und auch so manches Oberstädters erfreut ist hier versammelt. Nebenbei ist der "Rote Ring" auch noch der Hauptproduzent von Alkoholika in der Zylinderwelt

Zugangsberechtigungen werden individuell für bestimmte Decks vom Planungsministerium ausgestellt. Meistens erhält man die Zugangsberechtigung für das Deck, auf dem man wohnhaft ist, und 2 Decks drüber und drunter (also z.B. 2. - 6. Deck), sowie Zugangsberechtigungen für seine Arbeitsstelle. Ausnahmeregelungen können gegen Zahlung einer kleinen Gebühr und einer guten Begründung immer genehmigt werden. Jedem Mittelstädter ist es ohne Zugangsgenehmigung untersagt, die Ober- oder Unterstadt zu betreten.

Um sich im ganzen Wirrwarr an Bürokratie überhaupt noch zurechtfinden zu können, benötigt man Fachleute. Diese Fachleute Untergliedern sich in zwei Kategorien: Zum einen gibt es die staatlich geprüften Bürokratieberater. Diese haben zumeist eine juristische und administrative Ausbildung hinter sich gebracht und helfen nun hilfesuchenden Bürgern bei der Erledigung ihrer Behördengänge. Da sind allerdings noch die freien Bürokratieberater. Diese haben nicht minder eine Ausbildung absolviert, jedoch zumeist noch gute Kontakte in die Bürokratie, so daß ihre Kunden mit Bakschisch wesentlich weiter kommen, als jene die sich nur an den staatlichen Bürokratieberater halten.

Die offizielle Zeitrechnung läuft seit Christi Geburt, was mit Anno Domini abgekürzt wird. Der Kalender ist in 365 Tage a 24 Stunden unterteilt. 30 Tage werden nach einer alten Zählweise als Monat bezeichnet. Die fünf übrig bleibenden Tage sind jeweils hohe Festtage, die außerhalb des normalen Kalenderjahres liegen. Zur Zeit befinden wir uns in der 2. Hälfte des 22. Jahrhunderts, im Jahr 2189.

Die offizielle Währungseinheit der Zylinderwelt ist das Pfund, welches sich in 100 Pence unterteilt. 150 Pfund entsprechen dem Durchschnittsverdienst eines Mittelstädters.

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